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Hallo zusammen,
lange war es hier ruhig, doch jetzt gibt es wieder etwas zu berichten. Ende 2023 hat mein Kunde Lieferando mir ein unwiderstehliches Angebot gemacht: Ich habe die Rolle des Industrial Relations Lead aufgebaut, eine eher neue HR-Rolle mit dem Fokus, eine nachhaltig gute Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat zu etablieren. Viele Start-Ups der 2000er Jahre haben sich mittlerweile zu soliden mittelständischen Unternehmen entwickelt, pragmatische Strukturen sind professionellen Prozessen gewichen, Compliance determiniert unternehmerische Entscheidungen. Die New Economy wird erwachsen.
Mit dieser Entwicklung und zusätzlich beschleunigt durch die wirtschaftlichen Turbulenzen und steigender Arbeitsplatzunsicherheit der letzten Jahre sind in vielen Berliner Unternehmen Mitarbeitervertretungen entstanden. Das hat in vielen Personalabteilungen Unsicherheit ausgelöst, denn mit der Wahl eines Betriebsrates betritt ein Unternehmen neues Terrain. Es entstehen neue Aufgaben und als Bonus auch gleich eine Menge Fettnäpfchen für die Personalabteilungen, wo es aufgrund der fehlenden Historie in Betrieblicher Mitbestimmung oft an entsprechender Expertise mangelt.
Es gibt also einerseits einen neuen und motivierten, allerdings auch unerfahrenen und rechtlich unsicheren Betriebsrat, dem der Gesetzgeber umfangreiche finanzielle Mittel zur Rechtsberatung und Fortbildung zusichert. Dem gegenüber steht eine wahrscheinlich chronisch unterbesetzte Personalabteilung, die zwar rechtlich besser aufgestellt sein dürfte, allerdings weder personell noch finanziell genug Spielraum haben wird, um neue Prozesse zu schaffen, Reportings aufzusetzen, Führungskräfte zu schulen und die vielen weiteren Aufgaben zu bewältigen, die ein Betriebsrat eben so mit sich bringt. Allein diese Konstellation birgt schon erhebliches Konfliktpotential zwischen Arbeitgeber*in und Arbeitnehmervertretung. Dazu kommen die grundsätzlich gegenläufigen Interessen beider Seiten in Form von unternehmerischem Erfolg durch Gewinnmaximierung entgegen den Mitarbeiterbedürfnissen nach finanzieller und sozialer Sicherheit. Das Risiko ist also groß, dass die vom Gesetzgeber erwartete „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ schon im Entstehungsprozess zwischen Betriebsverfassungsgesetz, Kommentaren und KI-generiertem Halbwissen hilflos untergeht.
An dieser Stelle kommt die Funktion der Industrial Relations ins Spiel, mitunter auch „Social Dialogue“ oder „Labour Relations“ genannt. Ihre Aufgabe ist es, die Zusammenarbeit zwischen Betriebsrat, Personalabteilung, Geschäftsführung und Führungskräften aufzubauen und zu optimieren und die teilweise sehr ambivalenten Interessen aller Beteiligten unter einen Hut zu bekommen. Dafür braucht es neben arbeits- und betriebsverfassungsrechtlichen Kenntnissen vor allem Geduld, Fingerspitzengefühl und persönliche Reife, die es zulässt, verschiedene Standpunkte differenziert zu betrachten, zu respektieren und zwischen ihnen zu vermitteln. Beziehungsmanagement eben. Oder wie eine Kollegin vor einiger Zeit so schön sagte: „Wenn man sich gegenseitig Paragraphen um die Ohren haut, ist es schon zu spät.“
Eine nachhaltig gute Beziehung zum Betriebsrat ist schwer aufzubauen und einfach zu zerstören, aber wenn sie besteht, zahlt sie sich aus.
In den kommenden Artikeln möchte ich euch einen Einblick in meine Erfahrungen aus den letzten beiden Jahre geben. Das wird wie immer eine Mischung aus arbeitsrechtlichen Informationen und best practise Tipps werden. Ich wünsche euch schon mal viel Spaß beim Lesen und freue mich auf euer Feedback.
