Die Legende von der eierlegenden Wollmilchsau (Teil 1)

„Eure Arbeit wird einen großen Teil eures Lebens einnehmen und die einzige Möglichkeit, wirklich zufrieden zu sein ist, dass ihr glaubt, dass ihr großartige Arbeit leistet. Und der einzige Weg, großartige Arbeit leisten zu können, ist zu lieben, was ihr tut. Wenn ihr das noch nicht gefunden habt, dann haltet die Augen offen. Mit eurem ganzen Herzen werdet ihr wissen, wenn ihr es endlich gefunden habt. Wie in jeder guten Beziehung, wird es im Laufe der Jahre immer besser werden. Also haltet so lange danach Ausschau, bis ihr es findet. Gebt euch nicht mit weniger zufrieden.“  (Steve Jobs, Stanford, Juni 2005)

Performanceoptimierung, Unternehmenskultur, Führungsleitbild – Personalabteilungen investieren viel Zeit und Mühe, um diese Themen aufzubauen und weiterzuentwickeln. Viel Aufwand können wir uns dabei sparen, wenn wir im Einstellungsprozess darauf achten, dass die Kandidaten in die vorhandene Unternehmensstruktur integrierbar sind. Leider sind Fähigkeiten und Kompetenzen im Auswahlprozess nur bedingt prüfbar, daher sollte man das Maximum aus dem Bewerbungsprozess rausholen – das ist umso wichtiger, da in Deutschland jedes fünfte Arbeitsverhältnis in der Probezeit scheitert. Deswegen möchte ich der Kandidatenauswahl einen längeren Artikel widmen und die folgenden Schwerpunkte näher anschauen:

  1. Employer Branding
  2. Bedarfsanalyse
  3. Kanäle
  4. Kandidatenscreening und Interview
  5. Feedback

1. Employer Branding

Ein bekannter Firmenname ist auf jeden Fall hilfreich für einen erhöhten Bewerbungsrücklauf. Nicht grundlos bewirbt sich ein Großteil der Hochschulabsolventen erst mal bei den DAX30 Unternehmen (um dort wahrscheinlich an einem Bewerbermanagementsystem aus den späten 90er Jahren zu scheitern). Eine Garantie für eine gute Kandidatenauswahl ist ein bekannter Name nicht. Ich habe auf einer Messe mal eine sehr nette Personalerin kennen gelernt, die bei der Schufa gearbeitet hat – weder ein unbekannter noch ein schlechter Arbeitgeber, aber das Produkt ist einfach unsexy. Die Kollegin war verzweifelt, weil sie trotz allem Engagement niemanden so recht für ihren Arbeitgeber begeistern konnte.

Was kann man nun für eine gute Employer Brand tun?

Natürlich kann man, wenn man über das nötige Kleingeld verfügt, in Social Media Kampagnen und Messestände investieren und ein schickes Premium-Profil auf Kununu/ Xing und LinkedIn anlegen. Aber auch mit kleinem Budget kann man sich als Arbeitgeber positionieren:

Füllt eure Stellenanzeigen nicht mit Standard-Floskeln (mit „Start Up-Spirit“ und „flachen Hierarchien“ lockt man niemanden mehr hinterm Ofen hervor), sondern überlegt euch, was eure individuellen Stärken als Arbeitgeber sind. Seid ehrlich. Verkauft einen Job mit 50 Wochenstunden nicht als 9 to 5 Tätigkeit, denn dann erreicht ihr nicht die richtige Zielgruppe. Probiert neue Konzepte: Wir sind grade sehr stolz auf unsere neue Go To Market-Stellenausschreibung. Alles, was sich vom Mainstream abhebt, bleibt beim Betrachter im  Kopf.

Das größte Kapital des Arbeitgebers sind die eigenen zufriedenen Mitarbeiter, und man unterschätzt gerne deren Botschafterwirkung: Wir generieren bei Scout24 etwa ein Drittel unserer Bewerbungen über interne Empfehlungen. Engagierte Mitarbeiter bloggen, posten Fotos aus ihrem Arbeitsalltag auf Insta, gehen auf Meetups, Fortbildungen und Fachkonferenzen und erreichen dort aktive und passive Kandidaten, mit denen sie über ihren Arbeitgeber sprechen. Selbst wenn es nur zwei oder drei Gespräche pro Veranstaltung sind, ist deren virale Wirkung enorm. Also seid lieb zu euren Mitarbeitern 🙂

Nutzt die Anfangseuphorie und bittet eure neuen Kollegen in der Probezeit, nach drei Monaten ihre (ehrlichen!) Eindrücke auf Kununu oder Glassdoor zu hinterlassen. Dabei geht es nicht um ein Fünf-Sterne-Profil (das kauft euch eh niemand ab), sondern darum, dem Arbeitsalltag in eurer Firma ein positives Gesicht zu geben. Das muss nicht perfekt sein, sondern authentisch, denn der cultural match wird gerne übersehen. High Potentials können sich ihre Arbeitgeber in der Regel aussuchen – und im Zweifelsfall ziehen sie in der Probezeit die Reißleine, wenn Erwartungen und Realität zu sehr auseinandergehen: 53,9% der arbeitnehmerseitigen Probezeitkündigungen in 2016 gingen auf schlechtes Arbeitsklima zurück (Quelle).

Ich empfehle euch, eine Employer Branding-Strategie aufzusetzen, bei der man ein zu erreichendes realistisches Ziel („Wie möchte ich als Arbeitgeber wahrgenommen werden?“) in zwei bis drei Jahren definiert und dann unter Berücksichtigung des vorhandenen Budgets die Zwischenschritte herunterbricht.

2. Bedarfsanalyse

Nehmen wir die hiring manager auch in die Pflicht: Die allgemeine Meinung vieler Fachabteilungen zum Recruiting ist, dass dort stapelweise Lebensläufe williger Kandidaten herumliegen sollten, aus denen man sich dann die Besten aussuchen kann. Nichts gegen eine ordentliche Bewerberpipeline, aber auch dem besten Recruiter werden nicht alle Insights über die fachlichen und sozialen Anforderungen vorliegen, die der Manager aus der Fachabteilung hat. Um im Interview nicht über diese Punkte zu stolpern, sollte ein guter Recruiter vor dem Beginn des Recruitingprozesses zusammen mit dem hiring manager eine umfangreiche Bedarfsanalyse durchführen, um den Status Quo der Abteilung genau zu erfassen. Im Downloadbereich findet ihr dafür mein für Scout erstelltes Playbook, daher gehe ich jetzt nicht allzu sehr auf die Details dieser Analyse und den daraus entstehenden Möglichkeiten ein. Faktoren wie Budget, vorhandene Senioritätslevel, Gehaltsstrukturen und zukünftige fachliche Herausforderungen sollten auf jeden Fall geklärt werden und sich optimalerweise auch in der Stellenbeschreibung wiederfinden.

(to be continued)

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